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Essays in der Freie Presse zum 5. März 2011

Die Frage nach konkreten Strategien und den Grund des Scheiterns einer erfolgreichen Blockade des Nazi-Aufmarsch am 5. März 2011 hatte in Chemnitz verschiedene Debatte ausgelöst.

Gestartet wurde die Debatte in der Freien Presse mit einem Essay von Klaus Gregor Eichhorn, in dem er das Scheitern auf die Passivität der Chemnitzer Bevölkerung schiebt. Eine Grund für diesen Gemützustand ist für ihn die „blutleere Innenstadtbebauung“, der soziale Kahlschlag und betriebswirtschaftlicher Logik. Sein Vorschlag diese Haltung zu durchbrechen endet mit einem alternativen Viertel ohne Bevormundungen oder Blockaden seitens der Stadt. Hier zum Nachlesen.

Als nächstes kam ein Essay von Hartwig Albiro (ein Veteran in Sachen Friedenstag). Deutlich mehr schwelgend in den Erinnerungen der „friedlichen Revolution“ als Eichhorn, führt Albiro die – für ihn – erfolgreiche Arbeit des Bürgervereins „Fuer Chemnitz“ in blumigen Worten mit allerlei Moralin aus. Es wird noch geschimpft auf das Verhalten der Polizei und gejammert, dass es doch so wenige Demonstrant_innen waren. Im endlosen Beteuern von Friedlichkeit und Demokratie wird an „linksextremen Szene nahestehende Tränentrockner“ erinnert (AAK-Aufruf „Das Tränenmeer trocken legen!“) , um dann doch wieder festzustellen, dass offensichtlich im Agieren der offiziell eingesetzten „Demokraten“ in der BRD etwas nicht stimmt. Damit zumindest schon einmal Glückwunsch zur späten Erkenntnis und der Beitrag hier zum Nachzulesen.

Kritiker äußern Bedenken zum Gedenken

Erinnern zwischen Missbrauch und Aufklärung

Chemnitz. Das hätten sich die langjährigen Organisatoren des Chemnitzer Friedenstages wohl kaum träumen lassen, als sie für Freitagabend zu einer Podiumsdiskussion ins Alte Heizhaus der Technischen Universität eingeladen hatten. Wenige Stunden nach der Verleihung des Chemnitzer Friedenspreises 2011 wollten sie dort Bedenken zum Gedenken an den Jahrestag der Bombardierung der Stadt anmelden und diskutieren. Am Ende standen sie selbst im Kreuzfeuer. Zu wenig differenziert werde zwischen Opfern und Tätern; der Krieg und die Zerstörung der Stadt nicht deutlich genug als Folge der Naziherrschaft dargestellt, lauteten die wesentlichen Kritikpunkte.

Ein Vorwurf, der für nicht wenige der rührigen Aktivisten der Arbeitsgruppe Chemnitzer Friedenstag um Ex-Superintendent Christoph Magirius und den früheren Schauspieldirektor Hartwig Albiro, nur schwer zu ertragen ist. Zumal ihre Wortmeldungen für gewöhnlich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. „Die Herrschaft der braunen Diktatur war ein maßloses Verbrechen, die Zerstörung der Chemnitzer Innenstadt die Folge des Krieges der ,Herrenrasse‘“, heißt es etwa im aktuellen Programmheft des Friedenstages 2011. Ein geschichtlicher Zusammenhang, der von der Arbeitsgruppe als geradezu selbstverständlich angesehen wird.

Genau das aber, so warnen Kritiker, könnte sich als Problem erweisen. Angesichts eines Zeitgeistes, der die Deutschen im Zweiten Weltkrieg zunehmend als Opfer von Zerstörung und Vertreibung beschreibt, sei es fahrlässig, auf die stetige Erklärung geschichtlicher Zusammenhänge zu verzichten. Wer in der Öffentlichkeit das Thema Krieg und Frieden allein am 5. März festmache, so ihre Argumentation, verliere womöglich leicht aus dem Blickfeld, dass es davor einen 1. September 1939 und sechs weitere Jahre zuvor eine Machtübernahme der Nationalsozialisten gegeben habe, ohne die die Zerstörung von Chemnitz nicht erklärt werden könne.

Als Beleg dafür verweisen Kritiker auf eine Darstellung zur Geschichte des 5. März 1945, die auf der Internetseite des Chemnitzer Friedens- tages zu finden ist. Dort wird akribisch aufgezählt, wie viele Bomben an jenem Tag auf Chemnitz abgeworfen wurden, wie viele Wohnungen und Fabriken in Flammen aufgingen. Von den tausenden Zwangsarbeitern in der Stadt sei aber ebenso wenig zu lesen, wie von den Hunderten verfolgten Chemnitzern, die zu diesem Zeitpunkt in Konzentrations- und Vernichtungslagern bereits zu Tode gekommen waren.

„Viele Häftlinge und in der Illegalität Untergetauchte haben den Tag der Bombardierung tatsächlich als Tag der Rettung und Befreiung empfunden. Das sollte man nicht vergessen“, mahnt Thiemo Kirmse von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Einen möglichen Ausweg aus dem Gedenk-Dilemma sieht er in einer Umorientierung der Friedensarbeit auf den Anti-Kriegstag am 1. September oder den Internationalen Tag des Friedens, der auf Initiative der Uno am 21. September begangen wird. Dies aber, so die Sorge der Friedenstag-Initiatoren, würde womöglich dazu führen, dass der 5. März in Chemnitz alsbald gänzlich dem seit Jahren versuchten Missbrauch durch Rechtsextremisten überlassen werden würde.

Mit der neu aufgebrochenen Diskussion sehen sich die Friedenstag-Organisatoren mit einer Frage konfrontiert, die in der Stadt seit Anfang der 1990er-Jahre immer wieder für Debatten gesorgt hat und die letztlich Antrieb für ihr eigenes Engagement gewesen war: Wie sollte man den 5. März 1945 einordnen in die Geschichte der Stadt, wofür sollte dieser Tag am Samstag stehen und Anlass sein? Eine Gruppe um den 2005 verstorbenen Studentenpfarrer und Friedensaktivisten Hans-Jochen Vogel war es schließlich, die sich daran machte, über den 5. März neu nachzudenken. „Unsere Sorge war, dass dieser Tag verkommt zu einem Tag der Routine, der Erinnerung und Trauer“, erinnert sich Hartwig Albiro an die Anfänge des Friedens- tages. Dessen Grundidee, so betont sein Mitstreiter Christoph Magirius, sei es gewesen, den Blick nach vorn zu richten, „aus der Vergangenheit Impulse aufzunehmen, um die Gegenwart zu gestalten“. Einem Anspruch, dem die Arbeitsgruppe bis heute treu geblieben ist.

Um eine grundsätzliche Debatte zur Gedenk- und Erinnerungskultur aber werde trotzdem weder sie noch die Stadt Chemnitz umhinkommen, glaubt Teresa Pinheiro, Inhaberin der Juniorprofessur Kultureller und Sozialer Wandel an der TU Chemnitz. Als gebürtige Portugiesin ist sie quasi von Haus aus vertraut mit Schwierigkeiten im Umgang mit der Vergangenheit – in ihrem Heimatland herrschte ebenso wie im Nachbarland Spanien bis in die 1970er-Jahre hinein Diktatur. Weil die Generation der Zeitzeugen des Geschehens vor sechseinhalb Jahrzehnten allmählich ausstirbt, so Pinheiro, sei man überall in der Welt zunehmend gezwungen, sich Erinnerung an Krieg und Holocaust anderweitig zu bewahren. An die Stelle des individuellen, von den jeweiligen persönlichen Erfahrungen geprägten Weitererzählens dessen, was sich ereignet hat, werde eine Art kulturelles Gedächtnis treten müssen. Wie dieses aussehen soll, darüber aber müsse zunächst ein gesellschaftlicher Konsens hergestellt werden. Unstrittig sei ihrer Auffassung nach eines: „Der 5. März 1945 hat bereits 1933 begonnen.“

Quelle: Freie Presse am 5. März 2011