Archiv der Kategorie 'Debatten'

Über den Wolken…

Einen lesenswerten Artikel zur Gedenkkultur sowie den Umgang mit störendem Erinnern hat die AAK veröffentlicht:

Die Auseinandersetzungen mit neonazistischen Gedenkaufmärschen im Kontext der Bombardierung deutscher Städte im Verlauf des Zweiten Weltkriegs waren schon immer mehr als ‚simple’ Proteste gegen Neonaziaufmärsche oder -läden. Denn während es dort relativ einfach ist sich zumindest verbal von menschenverachtendem Gedankengut zu distanzieren oder die Problematik unter einer Standortdebatte zu verhandeln, hat der bürgerliche Protest im Rahmen des Gedenkens auch immer das Ansinnen, Inhalte zurück zu erobern und ins rechte Licht zu rücken. Da wird gestritten, das Gedenken nicht zu ‚instrumentalisieren’ ohne aber das Anliegen der Nazis ernst zu nehmen und sich zu fragen, warum sich gerade die Bombardierungstrauerfeiern so hervorragend in ein neonazistisches Weltbild eingliedern. Selbstverständlich: Die Rhetorik stößt an. ‚Bombenholocaust’ und ‚alliierte Luftgangster’ sind unpässliche Begrifflichkeiten bei der Inszenierung einer geläuterten und weltoffenen deutschen Nation.

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Ups. Da haben wir doch etwas vergesesen

Viele Teile der Chemnitzer Stadtgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus sind bis heute wenig bis gar nicht aufgearbeitet. Wen sollte es daher überraschen, dass die Rolle der Technischen Universität Chemnitz bisher wenig ergründet wurde. So kritisierte der Dekan der philosophischen Fakultät Christoph Fasbender diesen Umstand in einer Podiumsdiskussion des Stura „Rassismus überwinden – aber wie?“ und setzte sich für eine wissenschaftliche Aufarbeitung ein.
Die Universität (damals Technische Staatslehranstalten1) wurde ab 1935 innerhalb der „Förderung der Hauptprogramme der Reichsregierung“ in die Rüstungsentwicklung einbezogen. Die Bildungseinrichtung für Materialprüfung forschte über die Erprobung von Verdunklungspapier und Tarnanstrichen. Das Fach Flugwesen wurde erheblich ausgebaut.2

Eine weitere Freistelle in der Chemnitzer Geschichtsschreibung ist auch die Rolle von Zwangsarbeiter_innen. Laut verschiedener Quellen kann von einer Zahl von circa 31.000 Menschen ausgegangen werden, die in allen Produktionsbereichen in Chemnitz eingesetzt wurden.3 Ihr Leben und die Arbeitsbedingungen unter denen sie mithelfen mussten die Kriegswirtschaft weiter zu stützen, sind bisher wenig dokumentiert.

Hoffentlich erkennen die üblichen Opfer-Schwadronierer_innen bald, dass es nicht möglich ist Zwangsarbeiter_innen, zur Vernichtung ausgewählte Deportierte, Mitglieder der SS-/Wehrmachtsverbände und Angestelle des nationalsozialistschen Verwaltungsapparates unter dem Begriff Opfer der Bombardierung von Chemnitz zu vereinen. Die Geschichte lehrt uns leider ein pessimistisches Geschichtsbild.

Dekan fordert Aufarbeitung der TU-Rolle zur Nazi-Zeit
Bei Diskussionsrunde zum 5. März spricht Dozent von „verheerendem Bild“

Eine fehlende Auseinandersetzung der Technischen Universität mit ihrer Rolle während der Nazi-Zeit kritisiert der Dekan der philosophischen Fakultät der TU, Christoph Fasbender. „Ich fordere die TU-Leitung auf, wissenschaftliche Arbeiten dazu anzuregen“, sagte er am Mittwoch auf einer vom Studentenrat veranstalteten Podiumsdiskussion zum Thema Rassismus. Anlass war der 5. März 1945, der Jahrestag der Bombardierung von Chemnitz. In der Vergangenheit hatten Rechtsextreme versucht, den Gedenktag für die Opfer der Bombardements für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Zwar gebe es Arbeiten zur Rolle der TU während der Nazi-Zeit, die aber nicht unabhängig und von Ratlosigkeit geprägt seien, so Fasbender. Soweit man wisse, habe die TU zur Nazi-Zeit ein „verheerendes Bild“ abgegeben: Der größte Teil des Lehrkörpers sei der Nazi-Ideologie verbunden gewesen, Widerstand habe es keinen gegeben. Damit müsse man sich auseinandersetzen. Dass dafür der neue Rektor, der Südafrikaner Arnold van Zyl, offen ist, ist denkbar. Van Zyl hatte zur Diskussion eine Videobotschaft gesendet. Das Thema Fremdenfeindlichkeit sei ihm wichtig, er wolle Podiumsrunden auch mit Vertretern aus dem linken und rechten Spektrum initiieren. Und er erzählte, wie er in Südafrika ein deutsches Paar kennengelernt hatte, das einst in Chemnitz studiert hatte, dann vor den Nazis nach Simbabwe geflohen war. Er habe von ihnen ein Bücherregal aus ihrer Chemnitzer Zeit geerbt. Das werde er mit nach Chemnitz bringen.

Und damit in eine Stadt, die laut Podiums-Gästen zwar keine Hochburg der tätlichen Übergriffe von Neonazis auf Fremde sei, wie Lena Nowak von der Opferberatung berichtete. Doch sei Chemnitz „das Hinterland für Nazis“, so Tim Detzner vom Bündnis für Frieden und Toleranz. Hier unterhielten Neonazis Strukturen, etwa für den CD-Vertrieb. Zudem gebe es latente Fremdenfeindlichkeit. Ausländer hätten es beispielsweise schwer, in Clubs Einlass zu finden, sagte Anni Fischer vom Studentenrat. Und Ruth Röcher von der Jüdischen Gemeinde erwähnte Fälle, in denen Lehrer bei rassistischen Sprüchen an Berufsschulen nicht eingegriffen hätten.

Am 5. März mit Demonstrationen ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen – dafür warb Detzner. Auch Fasbender stimmte zu. Er hoffe aber, dabei nicht nur Pfarrer und Geisteswissenschaftler zu sehen, sondern auch Vertreter großer Firmen, Sportvereine und Techniker der TU.

Quelle: Freie Presse 10.02.2012 von Katharina Leuoth

  1. http://www.altes-chemnitz.de/chemnitz/hochschule.htm [zurück]
  2. Aus dem Chemnitzer Stadtarchiv Heft Nr. 10 – Chemnitz in der NS-Zeit – Beiträge zur Stadtgeschichte 1933-1945, S. 175 [zurück]
  3. Aus dem Chemnitzer Stadtarchiv Heft Nr. 10 – Chemnitz in der NS-Zeit – Beiträge zur Stadtgeschichte 1933-1945, S. 200ff [zurück]

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Für die Chemnitzer Opfer. Gegen Rechts (und Links)

Im Sonntagsgespräch auf Chemnitz Fernsehen vom 15. Januar 2012 gibt es eine Interessante Zusammenstellung der Ereignisse des vergangenen 5. März.
Es wird festgestellt, dass bei einer Demonstration vom AJZ Chemnitz aus sich militante Linke untergemischt haben und es „zum Glück“ friedlich blieb. Die Sorge schien auch berechtigt zu sein laut Innenministerium: Unter Einsatz ihres Lebens mussten 223 schlecht ausgerüstete und miserable trainierte Beamte einen gewaltbereiten, gut trainierten und bis an die Zähne bewaffneten Antifa-Mob von einer schieren Menge von 80 Personen – und diese Menge muss sich erst einmal vorgestellt werden – durch die Stadt begleiten. Dass es zu „keinen Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ gekommen ist, war wohl nur Glück an diesem Tag.1
Die Verfasser_innen des Beitrags sind auch der Meinung, dass sich die Sitzblockaden an der Zentralhaltestelle einfach so aufgelöst hätten. Scheinbar inspiriert von einem Gespräch mit Marco Freymann, kam der Gedanke auf als hätten sich die Blockier_innen dann aus lauter Langeweile in „Prügeleien“ mit der Polizei gestürzt. Zahlreiche Youtube-Videos belegen dies nachweislich.2,3,4

Aber jetzt weiter im Gespräch: Peter Patt (CDU), Egmond Elschner (Kulturbeirat) und Hartwig Albiro (Friedenstag) diskutieren über den 5. März. Sie sind sich natürlich darüber einig, dass es alles friedlich sein muss. Damit hat sich der Konsens aber schon ergeben. Während Patt Lobeshymnen auf die Polizei singt, weil sie Verhältnisse wie in Dresden verhindert hätten, widersprechen Elschner und Albiro dem Ganzen. Der Polizeieinsatz sei überzogen gewesen und die Polizei hätte öffentlich die Innenstadt an diesen Tag eher abschreckend dargestellt. Ein politisches Verhalten der Polizei will Patt dagegen nicht geltend machen, sondern sieht lediglich die erfolgreiche „Lagertrennung“ an diesem Tag. Das Missverhältnis bei der Behandlung von Anmeldungen von Nazis und deren Gegener_innen wird wenig bis gar nicht thematisiert.
Natürlich spielt „Das Gedenken“ ein große Rolle. Albiro spiegelt durch aus die Kritik daran wieder. Er scheibt allerdings die Inszenierung eines Trauerkultes im Bezug auf die Chemnitzer Bombardierung auf die Nazis ab. Elschner springt dann ein mit der Argumentation rechteradikalte Ideologe gleich Tod, Verderben, Krieg, … und Albiro stellt heraus, dass zu dieser geschichtlichen Tatsache auch ein Bezug auf das Heute gesetzt werden muss.
Dennoch sind sich dann wieder alle einig, als Patt eine lokalpatriotischen Vorstoß wagt und das Gedenken im Bezug auf „was haben wir verloren“ setzt. Dies ist eher anschlussfähig, einfacher zu transportieren und Nostalgie geht ja immer. Dies ist nicht der klassische Nazi-Geschichtsrevisionismus, aber dieses Motiv des Gedenkens ist im bürgerlichen Gedenken schon lange nicht mehr massentauglich. Die Kritik am aktuellen Ritus liegt bekanntlich an anderer Stelle: Alle schwelgen in vergangen Zeiten, sind zu tote betrübt über die Freiflächenpolitik der Alliierten und denken sich „was wäre nur, wenn Hitler nicht so übertrieben hätte“. Die Erinnerung an Vernichtungskrieg, Volksgemeinschaft und Rassewahn wird ins Abseits geschoben und sich auf die „deutschen Opfer“ konzentriert.
Wer sich den gesamten Beitrag von fast einer halbe Stunde antun möchte, sei hier auf die Risiken des Würgereflexes hingewiesen. Die Redaktion übernimmt keine Kosten für eventuelle Reinigungskosten!

  1. aus einer kleine Anfrage von Freya-Maria Klinger (MdL) 5/6029 „Planung polizeilicher Maßnahmen anlässlich einer antifaschistischen Demonstration am 5. März 2011 in Chemnitz“ [zurück]
  2. http://youtu.be/INjVu0QSY9g [zurück]
  3. http://youtu.be/166IAXNxfak [zurück]
  4. http://youtu.be/iosWCNl3_UA [zurück]

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Häh? Wie jetzt? Keine Opfer?

Offensichtlich ist etwas bei der Chemnitzer CDU immer noch nicht angekommen. Während sich die Parteispitze von den wutentbrannten Äußerungen Marco Freymanns versucht zu distanzieren und Freymann kein großes Interesse hat weiter an Öffentlichkeit zu treten, spielt die CDU eher die Karte „würdiges Gedenken gegen Rechts“.
Dass dieses „Gedenken an die Opfer der Bombardierung“ bereits die revisionistische Geschichtswahrnehmung widerspiegelt, zu dieser Erkenntnis kommen die Christdemokraten gewohnten Maßen nicht. So gab es auch „zwölf Jahre der Herrschaft der Nazis“ … über die Deutschen und nicht die Nazis mit den Deutschen. Zudem Was deutsch ist, hatte die „deutsche“ Bevölkerung offensichtlich kein Problem. Sonst hätte sie nicht erst mit der geballten alliierten Militärmacht gestoppt werden müssen.
Somit dürften auch nicht die Äußerungen Freymanns im Nazi-Sprech-Stil auf einen „Rechts-Ruck“ hindeuten, weil wohl Parteikolleginnen/-en eher seiner Meinung wären, würde sich Menschen erdreisten der Chemnitzer Bevölkerung den Opferstatus zu entziehen.
Zur Dokumentation sind hier noch zwei weitere Artikel aus den Lokalmedien. (mehr…)

Ein kleines Warmup: Sammlung von Aufrufen zum 5. März des AAK

Die Antifaschitische Aktion Chemnitz/AAK verfasste mehrere Aufrufe um die bürgerliche Trauerkultur im Allgemeinen zu kritisieren, als auch um gegen den Nazi-Aufmarsch im Speziellen zu mobilisieren. Folgende Aufrufe erschienen im Vorfeld des 5. März:

- 2009 Kritik am „Chemnitzer Friedenstag“ und dessen Gedenkpolitik anlässlich der Bombardierung von Chemnitz 1945 (Autonomes Historiker_innen Kollektiv)
- 2010 Das Tränenmeer trocken legen – Kritik am Chemnitzer Totenkult (Autonomes Historiker_innen Kollektiv)
- 2011 Damit’s mal richtig sitzt

Ein Ergebnis in Sachen Gedenkkultur konnte zumindest 2011 festgestellt werden: Auf einer Veranstaltung des Chemnitzer Friedenstages zum Thema Gedenken ernteten die Organisator_innen des Friedenstages rege Kritik an ihrer Ausrichtung und ihrer eigenen geschichtlichen Darstellung. Im Folge dieses Abends erschien am 5. März in der Freien Presse ein lesenswerter Artikel, der aus der Reihe der Betroffenheitsgeschichten über Bombardierte der Jahre zuvor heraus stach.