Ups. Da haben wir doch etwas vergesesen

Viele Teile der Chemnitzer Stadtgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus sind bis heute wenig bis gar nicht aufgearbeitet. Wen sollte es daher überraschen, dass die Rolle der Technischen Universität Chemnitz bisher wenig ergründet wurde. So kritisierte der Dekan der philosophischen Fakultät Christoph Fasbender diesen Umstand in einer Podiumsdiskussion des Stura „Rassismus überwinden – aber wie?“ und setzte sich für eine wissenschaftliche Aufarbeitung ein.
Die Universität (damals Technische Staatslehranstalten1) wurde ab 1935 innerhalb der „Förderung der Hauptprogramme der Reichsregierung“ in die Rüstungsentwicklung einbezogen. Die Bildungseinrichtung für Materialprüfung forschte über die Erprobung von Verdunklungspapier und Tarnanstrichen. Das Fach Flugwesen wurde erheblich ausgebaut.2

Eine weitere Freistelle in der Chemnitzer Geschichtsschreibung ist auch die Rolle von Zwangsarbeiter_innen. Laut verschiedener Quellen kann von einer Zahl von circa 31.000 Menschen ausgegangen werden, die in allen Produktionsbereichen in Chemnitz eingesetzt wurden.3 Ihr Leben und die Arbeitsbedingungen unter denen sie mithelfen mussten die Kriegswirtschaft weiter zu stützen, sind bisher wenig dokumentiert.

Hoffentlich erkennen die üblichen Opfer-Schwadronierer_innen bald, dass es nicht möglich ist Zwangsarbeiter_innen, zur Vernichtung ausgewählte Deportierte, Mitglieder der SS-/Wehrmachtsverbände und Angestelle des nationalsozialistschen Verwaltungsapparates unter dem Begriff Opfer der Bombardierung von Chemnitz zu vereinen. Die Geschichte lehrt uns leider ein pessimistisches Geschichtsbild.

Dekan fordert Aufarbeitung der TU-Rolle zur Nazi-Zeit
Bei Diskussionsrunde zum 5. März spricht Dozent von „verheerendem Bild“

Eine fehlende Auseinandersetzung der Technischen Universität mit ihrer Rolle während der Nazi-Zeit kritisiert der Dekan der philosophischen Fakultät der TU, Christoph Fasbender. „Ich fordere die TU-Leitung auf, wissenschaftliche Arbeiten dazu anzuregen“, sagte er am Mittwoch auf einer vom Studentenrat veranstalteten Podiumsdiskussion zum Thema Rassismus. Anlass war der 5. März 1945, der Jahrestag der Bombardierung von Chemnitz. In der Vergangenheit hatten Rechtsextreme versucht, den Gedenktag für die Opfer der Bombardements für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Zwar gebe es Arbeiten zur Rolle der TU während der Nazi-Zeit, die aber nicht unabhängig und von Ratlosigkeit geprägt seien, so Fasbender. Soweit man wisse, habe die TU zur Nazi-Zeit ein „verheerendes Bild“ abgegeben: Der größte Teil des Lehrkörpers sei der Nazi-Ideologie verbunden gewesen, Widerstand habe es keinen gegeben. Damit müsse man sich auseinandersetzen. Dass dafür der neue Rektor, der Südafrikaner Arnold van Zyl, offen ist, ist denkbar. Van Zyl hatte zur Diskussion eine Videobotschaft gesendet. Das Thema Fremdenfeindlichkeit sei ihm wichtig, er wolle Podiumsrunden auch mit Vertretern aus dem linken und rechten Spektrum initiieren. Und er erzählte, wie er in Südafrika ein deutsches Paar kennengelernt hatte, das einst in Chemnitz studiert hatte, dann vor den Nazis nach Simbabwe geflohen war. Er habe von ihnen ein Bücherregal aus ihrer Chemnitzer Zeit geerbt. Das werde er mit nach Chemnitz bringen.

Und damit in eine Stadt, die laut Podiums-Gästen zwar keine Hochburg der tätlichen Übergriffe von Neonazis auf Fremde sei, wie Lena Nowak von der Opferberatung berichtete. Doch sei Chemnitz „das Hinterland für Nazis“, so Tim Detzner vom Bündnis für Frieden und Toleranz. Hier unterhielten Neonazis Strukturen, etwa für den CD-Vertrieb. Zudem gebe es latente Fremdenfeindlichkeit. Ausländer hätten es beispielsweise schwer, in Clubs Einlass zu finden, sagte Anni Fischer vom Studentenrat. Und Ruth Röcher von der Jüdischen Gemeinde erwähnte Fälle, in denen Lehrer bei rassistischen Sprüchen an Berufsschulen nicht eingegriffen hätten.

Am 5. März mit Demonstrationen ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen – dafür warb Detzner. Auch Fasbender stimmte zu. Er hoffe aber, dabei nicht nur Pfarrer und Geisteswissenschaftler zu sehen, sondern auch Vertreter großer Firmen, Sportvereine und Techniker der TU.

Quelle: Freie Presse 10.02.2012 von Katharina Leuoth

  1. http://www.altes-chemnitz.de/chemnitz/hochschule.htm [zurück]
  2. Aus dem Chemnitzer Stadtarchiv Heft Nr. 10 – Chemnitz in der NS-Zeit – Beiträge zur Stadtgeschichte 1933-1945, S. 175 [zurück]
  3. Aus dem Chemnitzer Stadtarchiv Heft Nr. 10 – Chemnitz in der NS-Zeit – Beiträge zur Stadtgeschichte 1933-1945, S. 200ff [zurück]