Archiv für Januar 2012

Hier marschiert die Rotfront

Ein Gespenst geht um in Chemnitz – Das Gespenst des Kommunismus

so etwas oder Ähnliches wird sich Marco Freymann (Chef des CDU-Ortsverbandes Mitte-Schloß) gedacht haben. Er schrieb erzürnt eine eMail um endgültig Festzustellen, dass der 5. März ein Tag zum „Gedenken der Zerstörung der Chemnitzer Innenstadt durch die allierten Bombenangriffe und deren unschuldigen zivilen Opfer“ ist und nicht für Proteste gegen stattfindende Nazisaufmärsche dienen könnte. Dabei stellt er gleich einmal die Existenz von Nazis an diesen Tag in Abrede. Die armen Leidtragenden sind für ihn natürlich die Polizeibeamten – 2011 haben sich bestimmt viele Beamten verletzt beim Verprügeln von Gegendemonstrant_innen – Sie haben uns Mitgefühl.
Aber zurück zu Freymann: Solch eine Figur des vor Patriotismus strotzenden und realitätsverleugnenden Antikommunisten und Vaterlandsverteidiger kannte selbst die bitterste Satire bisher nicht. Wieder einmal ein Beweis dafür, dass selbst die stärkste Polemik, die Realität an Absurdität nicht übertreffen kann. Wir dokumentieren daher die Reaktion in der Freie Presse des heutigen Tages. (mehr…)

Ein kleines Warmup: Sammlung von Aufrufen zum 5. März des AAK

Die Antifaschitische Aktion Chemnitz/AAK verfasste mehrere Aufrufe um die bürgerliche Trauerkultur im Allgemeinen zu kritisieren, als auch um gegen den Nazi-Aufmarsch im Speziellen zu mobilisieren. Folgende Aufrufe erschienen im Vorfeld des 5. März:

- 2009 Kritik am „Chemnitzer Friedenstag“ und dessen Gedenkpolitik anlässlich der Bombardierung von Chemnitz 1945 (Autonomes Historiker_innen Kollektiv)
- 2010 Das Tränenmeer trocken legen – Kritik am Chemnitzer Totenkult (Autonomes Historiker_innen Kollektiv)
- 2011 Damit’s mal richtig sitzt

Ein Ergebnis in Sachen Gedenkkultur konnte zumindest 2011 festgestellt werden: Auf einer Veranstaltung des Chemnitzer Friedenstages zum Thema Gedenken ernteten die Organisator_innen des Friedenstages rege Kritik an ihrer Ausrichtung und ihrer eigenen geschichtlichen Darstellung. Im Folge dieses Abends erschien am 5. März in der Freien Presse ein lesenswerter Artikel, der aus der Reihe der Betroffenheitsgeschichten über Bombardierte der Jahre zuvor heraus stach.

Essays in der Freie Presse zum 5. März 2011

Die Frage nach konkreten Strategien und den Grund des Scheiterns einer erfolgreichen Blockade des Nazi-Aufmarsch am 5. März 2011 hatte in Chemnitz verschiedene Debatte ausgelöst.

Gestartet wurde die Debatte in der Freien Presse mit einem Essay von Klaus Gregor Eichhorn, in dem er das Scheitern auf die Passivität der Chemnitzer Bevölkerung schiebt. Eine Grund für diesen Gemützustand ist für ihn die „blutleere Innenstadtbebauung“, der soziale Kahlschlag und betriebswirtschaftlicher Logik. Sein Vorschlag diese Haltung zu durchbrechen endet mit einem alternativen Viertel ohne Bevormundungen oder Blockaden seitens der Stadt. Hier zum Nachlesen.

Als nächstes kam ein Essay von Hartwig Albiro (ein Veteran in Sachen Friedenstag). Deutlich mehr schwelgend in den Erinnerungen der „friedlichen Revolution“ als Eichhorn, führt Albiro die – für ihn – erfolgreiche Arbeit des Bürgervereins „Fuer Chemnitz“ in blumigen Worten mit allerlei Moralin aus. Es wird noch geschimpft auf das Verhalten der Polizei und gejammert, dass es doch so wenige Demonstrant_innen waren. Im endlosen Beteuern von Friedlichkeit und Demokratie wird an „linksextremen Szene nahestehende Tränentrockner“ erinnert (AAK-Aufruf „Das Tränenmeer trocken legen!“) , um dann doch wieder festzustellen, dass offensichtlich im Agieren der offiziell eingesetzten „Demokraten“ in der BRD etwas nicht stimmt. Damit zumindest schon einmal Glückwunsch zur späten Erkenntnis und der Beitrag hier zum Nachzulesen.

5. März 2012

Die „Diskurse“ über die Bombardierung von deutschen Städten in Zweiten Weltkrieg bieten jedes Jahr neue Punkte zahlreiche Empörungen. In verschiedenen Städte marschieren Nazis auf und zivilgesellschaftliche bzw. zivilgemeindschaftliche Bündnisse versuchen zum Teil diese abzuwehren als Angst vor der „Instrumentaliserung der Trauer“. In der Regel werden die Schnittstellen mit den Nazis verkannt bzw. ignoriert und es wird versucht die eigene Gedenkkultur als die wahrhafte darzustellen. Parallelen zwischen den verschiedenen Gedenkspektakeln wie auch in dessen Ausläufern sind immer wieder festzustellen.
Da jedes kollektive Gedenken an die Gesamtheit der Deutschen als Opfer des Zweiten Weltkrieges oder – je nach Argumentation – des Nationalsozialismus notwendiger Weise die deutsche Beteiligung am Weltkrieg und Massenvernichtung herab relativert, darf eine Kritik an diesen Zuständen nicht fehlen.

Zeitnah werden hier alle Informationen zu den Protesten gegen den Naziaufmarsch am 5. März 2012 in Chemnitz veröffentlicht.