Archiv für Mai 2011

Essay des Chemnitzers Hartwig Albiro zum 5. März: Die kollektive Befreiung

Anlässlich des NPD-Aufmarschs am 5. März hatte der Filmemacher Klaus-Gregor Eichhorn in einem Essay das Phlegma der Chemnitzer beschrieben. Die Diskussion dazu ebbt nicht ab. Eine Erwiderung verfasst hat auch der frühere Chef des Schauspielhauses, Hartwig Albiro:

Klaus Gregor Eichhorns Meinung in seinem Essay „Die kritische Masse“ („Freie Presse“ vom 24. März) ist aufregend und anregend. Eichhorn spitzt zu und überspitzt. Und irrt. Und sagt die Wahrheit. Und hofft. Und träumt. Er sagt seine Meinung. Er ist unbequem, aber er kann zuhören. Und Meinungen annehmen. Gut, dass es solche wie ihn gibt. Er klagt nicht in erster Linie gegen die Alten, sondern nimmt sich und seine Generation selbst in die Pflicht. Seit Jahren. Ein Rufer in der Wüste?

1989

Es ist richtig – Massendemonstrationen wie im Herbst 1989 gehören der Vergangenheit an. Auch die Bereitschaft, sich bedingungslos einzubringen – Kraft, Zeit einzusetzen für ein großes gemeinsames Ziel. Dieses war in den aufregenden Monaten des Herbstes 89 leicht zu benennen: Die Veränderung der Verhältnisse. Die Reformierung der DDR. Es war die kollektive Befreiung aus dem vormundschaftlichen Staat. Nicht die Brotfrage wie in der Französischen und in der Oktoberrevolution, sondern das Recht auf freie Meinungsäußerung und Selbstbestimmung, Reisefreiheit und freie Wahlen waren bestimmende Themen dieser friedlichen Volkserhebung.

Natürlich waren wirtschaftliche Engpässe, die Umweltverschmutzung, das Phrasengedresche der Funktionäre, der Wohnungsmangel, die Drohgebärden der Staatsmacht mit ihrem Spitzelapparat und viele andere Begleitumstände des verkrusteten und veralteten Systems Multiplikatoren der Unzufriedenheit. Aber für mich und viele Theaterleute des Landes war es die geistige Enge, die uns in den September- und Oktobertagen zum Handeln zwang. Das Maß war voll!

Der friedliche Schweigemarsch von 1500 Karl-Marx-Städtern am 7. Oktober und der öffentlich artikulierte Protest am gleichen Abend im Schauspielhaus waren die Initialzündung für einen einmaligen und unwiederholbaren Vorgang. Es war völlig selbstverständlich, dass die Veränderung der Gesellschaft die Veränderung des einzelnen einschließt. Dies wurde praktiziert mit Ideenreichtum und Selbstlosigkeit. Der Gang in die neue Zeit war mühsam – das Feuer der Revolution wandelte sich in die Wärme der Meinungsfreiheit und in die Mühen und Mühlen der Demokratie. Aus dem Wunsch nach der reformierten DDR wurde der Ruf nach der D-Mark. Die revolutionäre Flut fächerte sich auf – der Strom wurde zum Delta.

2011

Die Situation jetzt ist grundsätzlich anders. Das bürgerschaftliche Engagement hat sich in vielen Vereinen und Interessengruppen formiert. Mit der Gründung des Bürgervereins „Fuer Chemnitz“ gab es vor 15 Jahren den Versuch, einzelne Gruppierungen zu einer großen Massenbewegung zu bündeln. Das ist nicht gelungen. Die Absicht, das große Feld Stadt gemeinsam zu bestellen, endete im Klein-Klein mit der sorgsamen Pflege des Beetes vor der eigenen Haustür. Es gab und gibt intensive und aktive Arbeit in allen Bereichen: Sport, Freizeit, Museen, Stadtteile, Fördervereine. Einzelne Schulen und Gymnasien. Gesellschaften. Nicht zu vergessen die Kirchen und die Gewerkschaften. Für Mitarbeit ist ein weites Feld geöffnet.

Der Bürgerverein hat mit der Auslobung des Chemnitzer Friedenspreises ein weithin beachtetes Zeichen für Menschlichkeit und Toleranz gesetzt. Der Rosengarten am Schlossteich ist „ausgebucht“, eine weitere Anlage an der Augustusburger Straße ist in Arbeit. Nicht wenige Gruppen, Vereine, Organisationen haben sich dem Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verschrieben. Bürgerforen und Podiumsdebatten laden ein zur Diskussion um die Perspektive der Stadt. Grundsätzlich ist allerdings schon zu fragen, wie es mit der Solidargesellschaft im weitesten Sinn bestellt ist. Geben und Nehmen geht alle an. In Notsituationen (Schneechaos/Hochwasser) könnten Nehmende mit ihrer Arbeitskraft und Fantasie etwas an Werten zurückgeben. Wo bleibt die sichtbare Absicht der Stadtverwaltung, so etwas zu verlangen? Ein Frühjahrsputz macht noch keinen Sommer! Die oft diskutierte Frage der Sozialschmarotzer harrt einer Lösung.

Am 5. März 2011 kamen nur etwa 2000 Bürger, um sich den Neonazis entgegenzustellen. In Passivität gehaltene Bevölkerung?

Ein Analyseversuch

Die Idee, die von den Neonazis zum „Trauermissbrauch“ am 5. März gewünschten Plätze durch rechtzeitige Anmeldung von Gegenkräften zu besetzen, hatte über mehrere Jahre Erfolg. Zunehmend entwickelt sich aber nun ein Wettbewerb um die Erstanmeldung. Wer zuerst anmeldet, hat das Recht der Gewährung und des Schutzes. Es geht nicht mehr vorrangig um die Sache, sondern darum, mit Tricks juristische Hürden zu meistern. Ein beschämendes Hase-und-Igel-Spiel! Wie man hört, hat die NPD bis 2017 ihre jeweilige Teilnahme zum 5. März angemeldet.

Das „Chemnitzer Bündnis für Frieden und Toleranz – Kein Platz für Nazis“ versuchte im Vorfeld, unterschiedliche Positionen unter dem gemeinsamen Nenner „Verhinderung der braunen Marschierer“ zu bündeln. Viel fleißige, anstrengende ehrenamtliche Arbeit! Die wesentlichen Plätze der Innenstadt waren von Chemnitzern besetzt und wurden mit fantasievollem Engagement gestaltet. Aber die Zersplitterung der Kräfte war dadurch programmiert – der Gedanke, ganztägig Massen in Bereitschaft zur Gegendemo zu halten, wurde nicht realisiert. „Gegen die Nazis – Ja! Aber den ganzen Tag dafür abrufbereit zu stehen? Schwierig.“ Im Zeitalter von „Time is Money“ ist das erklärbar. Auch mangelnde Kommunikation untereinander war auszumachen. „Wo sind die Nazis? Wann sollen wir wo sein?“ war oft zu hören.

Dennoch, vom Theaterplatz bis zum Neumarkt pulsierte friedliche demokratische Kreativität. Gegen 15 Uhr setzte sich innerhalb des „Hochsicherheitstrakts“ der braune Sumpf, behütet und geschützt, zum „Trauermarsch“ durch die Innenstadt in Bewegung. Vom Hubschrauber beobachtet, durch Sperrketten behindert, verschaffte sich der Protest mit der Oberbürgermeisterin an der Spitze am Forum Gehör, aber aufgehalten wurden die Neonazis dadurch nicht. Es wirkt wie Ironie: Die Friedenskräfte sind objektiv immer zum Reagieren verdammt. Ein Circulus vitiosus!

Die Frage heißt daher: Wie kommt man vom Reagieren zum Agieren? Man muss vielleicht völlig neu denken. Ein Sternmarsch zu einer zentralen Stelle? Eine Kurzdemonstration in Zeitnähe zur Ankunft der Nazis? Oder (ich weiß, ganz unpopulär!) die Nazis unbeachtet laufen lassen – aber anschließende Säuberung und Desinfizierung der Naziroute vom braunen Morast mit Reinigungsfahrzeugen der Stadt und den mit Besen und Schrubbern bewaffneten Bürgern? Kleine Randfrage: Wenn statt der 2000 die gewünschten 5000 Chemnitzer da gewesen wären, hätte das am Verhalten der Polizei Wesentliches geändert? „Wir stehen da und sind betroffen, der Vorhang zu und alle Fragen offen“, hieß es bei Brecht.

Recht auf zivilen Ungehorsam?

Das eigentlich Enttäuschende ist für mich nicht die Zahl der Teilnehmer (wenn man die vielen Akteure und Besucher der einzelnen Aktionsflächen dazu rechnet, kommt man sicher auf wesentlich mehr als 2000), sondern das unangemessene Verhalten der Polizei. Mit Warnungen vor möglichen Ausschreitungen, mit einer Fülle von Halteverbotsschildern wurde versucht, die Chemnitzer vom Besuch der Innenstadt abzuhalten. Die Absperrmaßnahmen hatten die Dimensionen eines unerwünschten Staatsbesuches.

Den (verspätet?) angemeldeten Veranstaltungen der Nazigegner wurden erst am Vorabend andere Plätze zugewiesen. Das alles, um den Marsch und eine Spontankundgebung der „braunen Trauergäste“ zu ermöglichen. Die Hüter einer freiheitlichen demokratischen Ordnung räumen die friedlichen Mahner für Toleranz und Demokratie mit größtmöglichster Konsequenz (Härte) hinweg und erkämpfen den Freiheitsgegnern die Vorfahrt.

Das kann, nein, das darf man nicht hinnehmen. Keine Freiheit denen, die die Freiheit bedrohen! Dass der Polizeipräsident sich nicht der öffentlichen Debatte stellen will – die Zahl der Anzeigen gegeneinander ausspielt –, das passt in das Gesamtbild. Der Ruf „Keine Gewalt“ ertönte an der Zentralhaltestelle. Die Sticker waren von der AG Chemnitzer Friedenstag gedacht als Aufforderung zur prinzipiellen friedlichen Auseinandersetzung, auch als Mahnung an einige, der linksextremen Szene nahestehende „Tränentrockner“. Der Ruf wurde nötig gegen die Staatsmacht. Doch eine Parallele zu 1989? Wie sagte schon der alte Elisabethaner: „Hier ist was faul im Staate Dänemark.“

Kreatives Viertel

Eines muss angemerkt werden. Ein klares Ja zu Eichhorns Forderung nach dem „Kreativen Viertel“. Ein großer Verlust ist der den kommerziellen Interessen geopferte Versuch des Experimentellen Karrees. Die Wunden der Amputation von Voxxx und Splash sind kaum vernarbt. Zarte Pflanzen keimen. Das Weltecho. Das Exil im Schauspielhaus. Der Garten „Bunte Erde“ an der Mehringstraße. Die Jugendherberge am Getreidemarkt. Aber auch das ist Zersplitterung. Die Stadt braucht dringend den Humus der alternativen Äußerung in der Großfläche. Keine staatlich-städtische Düngung – aber auch keine Behinderung des Wildwuchses. Ein Konzept für den Brühl liegt vor, so Eichhorn. Gibt es bald die öffentliche Debatte? Dann könnte Chemnitz beweisen, das es mehr ist als die Stadt der Rentner und der Volksmusik-Liebhaber.

Quelle: Freie Presse vom 06.05.2011