Archiv für März 2011

Essay des Chemnitzers Klaus Gregor Eichhorn zum 5. März: Die kritische Masse

Chemnitz. Die Ereignisse rund um den NPD-Aufmarsch und die Gegendemonstrationen am 5. März sorgen weiter für Diskussionen. In einem Essay meldet sich der Chemnitzer Filmemacher Klaus Gregor Eichhorn zu Wort. Die „Freie Presse“ stellt seinen Beitrag zur Debatte:

Von dem französischen Philosophen Jean-Paul Sartre ist der Gedanke überliefert, dass man, um die Menschen lieben zu können, hassen muss, was sie unterdrückt. In Chemnitz wurde es einem am 5. März dieses Jahres wieder sehr schwer gemacht, die Menschen zu lieben. Abgesehen von dem völlig verfehlten Gebaren der Polizei (das an anderer Stelle diskutiert werden muss), war es die erschreckend geringe Anzahl an Gegendemonstranten und die shoppende und gaffende Masse, die unbeteiligt an den teils skandalösen Vorgängen in der Innenstadt vorüber schlenderte.

Ein Raunen ging durch die Reihen selbst ernannter Linker, bürgerbewegter Biokost-Kaßberger und ergrauter Entscheidungsträger. Lächerlich niedrige Wahlbeteiligungen, fehlendes Interesse an den größten Skandalen bei Stadtbebauung bzw. -abriss, minimale Beteiligung seitens der Bürger beim städtischen Entwicklungsplan für die nächsten 20 Jahre – sie hatten es immer geahnt: „Der Chemnitzer an sich“ ist passiv, desinteressiert, konsumverblödet, demokratieunfähig und vielleicht sogar latent rechtsradikal. Wichtig scheint ihm nur zu sein, dass „dor Gung Arbeet im Westen hat“ und ansonsten der Reifendruck stimmt.

Wer jetzt so denkt, den kann man zwar in gewisser Weise verstehen, man darf ihn aber keinesfalls unterstützen. Denn mit dieser Haltung wiederholt man schon den ersten von zwei Fehlern, die seit Jahren das Aufleben einer demokratischen Kultur in dieser Stadt unmöglich machen – nämlich, dass man sie den Chemnitzern einfach nicht zutraut.

Wir müssen uns fragen: Kann man von einer Bevölkerung, die 364 Tage im Jahr in der Passivität gehalten wird, erwarten, dass sie an einem Tag aufsteht und für eine Gesellschaftsordnung eintritt, zu der sie kein Verhältnis hat? Welcher Gärtner geht Unkraut jäten, wenn er sich den Rest des Jahres nie auf die schöne Wiese legen darf?

Denn so sehr Demokratie ein Subjekt benötigt – den Einzelnen oder eine Gruppe – so sehr braucht sie auch ein Objekt: Etwas, worum es geht. Zum Beispiel ein Grundrecht oder ein Allee alter Bäume oder eben eine Stadt.

Den Chemnitzern wurde ihr Objekt, ihre Stadt, immer und immer wieder weggenommen bzw. haben sie es sich wegnehmen lassen: Angefangen bei einer protzigen und blutleeren Innenstadtbebauung im Sinne einer rein betriebswirtschaftlichen Logik (deren logische Folge schließende Geschäfte und noch deutlich vor Acht leer gefegte Straßen sind), über das Wegknicken der gesamten Stadtregierung gegenüber „Erlöser“-Investoren wie aktuell am Johannisplatz, bis hin zum sozio-kulturellen Kahlschlag an Graswurzel-Projekten wie dem Splash!, dem Voxxx, dem Haus Einheit, dem Experimentellen Karree an der Reitbahnstraße sowie den verschiedenen Brühl-Initiativen, hat die Stadtverwaltung in der Vergangenheit fast immer nur ein Signal ausgesendet: Wir „hier oben“ können es besser als ihr „da unten“. Allzu zögerliche Versuche von Basisdemokratie verliefen zumeist technokratisch und in keinster Weise „ergebnisoffen“ – wer soll sich daran beteiligen ?

Viel zu wenige der Verantwortlichen verstehen, dass eine demokratische Stadtverwaltung nicht primär das Richtige tun, sondern vielmehr das Richtige zulassen muss.

Hinzu kommt, dass eine Stadt, die sich alle Nase lang mit dem Konterfei eines der berühmtesten Denker der Geschichte schmückt, nun still und leise an ihrer Universität die Geisteswissenschaften wegrationalisiert, vorne dran die Philosophie. Die Botschaft lautet: Jetzt wird nicht mehr nachgedacht, jetzt wird nur noch gearbeitet – Maschinen bauen, aber bitte ohne zu fragen, wofür und warum! Soll so ein geistreiches und offenes Klima in einer Stadt entstehen?

Aus dieser Denke resultiert ein sich wechselseitig verstärkender Prozess, der höchst gefährlich für die Freiheit ist: Wer sie seiner eigenen Bevölkerung nicht zutraut, der kann nicht erwarten, dass die Menschen an die Demokratie glauben und sie im Zweifelsfall sogar verteidigen.

Der zweite zentrale Fehler betrifft die Unfähigkeit der zivilgesell-schaftlichen Akteure, sich zu treffen und zu organisieren. (Man kann beim besten Willen nicht behaupten, die Gegenveranstaltungen am 5.März seien geschickt und zielführend organisiert worden – warum schon ab 10 Uhr auf dem Theaterplatz bibbern, wenn frühestens 15Uhr die Nazis marschieren?)

Das hat indirekt auch mit der zerfaserten Stadtbebauung zu tun: Demokratie ist nun mal ein Pflänzchen, das auf der Straße wächst. Und die Straßen von Chemnitz sind notorisch leer. Kultur und Lebensfreude finden nur auf einigen kleinen Inseln statt, zwischen denen gefühlte Ewigkeiten von Dunkelheit liegen.

Das hat zur Folge, dass sich die – eigentlich gar nicht wenigen! – engagierten Bürger dieser Stadt fast immer schrecklich allein fühlen. Nirgendwo ist man in Chemnitz einmal „Viele“. Das erzeugt Passivität, Frust und letztendlich Abwanderung. Nicht, weil es zu wenig spannende, ideenreiche, kritische Menschen in dieser Stadt gäbe – sondern weil sie sich einfach nicht finden. Und sie finden sich auch deshalb nicht, weil sie selbst die drei Kardinalstugenden der Demokratie nicht ausreichend beherzigen: Die Fähigkeit zur Selbstreflexion, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und vor allem die Fähigkeit zum Kompromiss: Es ist definitiv einfacher, sich beim kleinsten Konflikt in irgendein vorgefertigtes Szeneviertel in Leipzig, Dresden, Berlin zurückzuziehen, um dort zu den Bekehrten zu predigen und sich „krass“ zu fühlen. Oder irgendwo am Rande der Stadt in Chemnitz‘ endlosen Häuserwüsten „sein eigenes Ding“ zu machen. Das hat aber leider nichts mit Demokratie zu tun, sondern das ist wieder nur Ausgrenzung – hier wir, die Demokratie und Toleranz können, und dort ihr, die ihr es nicht könnt.

Es ist natürlich sehr unkompliziert, der Bevölkerung Bösartigkeit und Passivität vorzuwerfen – wenn man einfach nicht bedenkt, was 100 Jahre Domestizierung in den Fabriken, 40 Jahre „sozialistische Musterstadt“ und 20 Jahre Raub aller Lebenssicherheiten (sowie ein Bevölkerungsschwund wie sonst nur in Kriegs- oder Pestzeiten) mit einem selbst anstellen würden.

Und es ist sicher viel angenehmer, auf die „Alten“ zu schimpfen (die nebenbei die friedliche Revolution in dieser Stadt auf die Beine bekommen haben), anstatt sich selbst kritisch zu reflektieren: Was haben wir „Jungen“ denn bisher geschafft? Das Mantra der Eltern „Hauptsache Arbeit“ im Ohr, zieht der Großteil der Studentenschaft unkritisch und unbeteiligt in der Isolieranstalt Reichenhainer Straße ihr Studium durch. Aber eine Gesellschaft wächst nun mal nur an denen, die sie infrage stellen.

Und sind wir mit Internet und weitestgehend freier Presse Aufgewachsenen den Alten gegenüber nicht klar im Vorteil? Müssen wir nicht viel mehr fürchten, dass uns unsere Kinder fragen werden: Ihr wusstet von all den schrecklichen Problemen in der Welt – und habt nichts getan? Habt ihr es Euch in der eigenen Ratlosigkeit bequem gemacht? Habt ihr gelernt, mit Freiheit umzugehen, anstatt sich vor der Komplexität der Welt ins einfache „Man-kann-sowieso-nichts-tun“ zu flüchten ? Oder ist das Ideal der Freiheit in Euren Händen zu der Vorstellung verkommen, es würde einen glücklich machen, wenn man einfach alles tut, was man will ? (Obwohl Freiheit doch eigentlich heißt, dass man sich selbst Grenzen setzt, bevor es andere tun – um sie auch selber verschieben zu können.)

Wir Jungen müssen verstehen: Die Passivität der Alten ist nur unsere eigene fortgesetzte Ratlosigkeit. Sie zu verurteilen, wird uns nicht weiterbringen. Publikumsbeschimpfung leert nur die Ränge. Dann hasst man die Menschen, aber nicht, was sie unterdrückt. Und man erkennt nicht die selben gefährlichen Probleme an und in sich selbst.

Demokratie setzt immer einen Akt der kritischen Selbstbefreiung voraus. Die kann zwar jeder nur für sich erreichen, möglich gemacht wird sie aber erst in einem ausreichend großen und bewegten Umfeld – es benötigt eine kritische Masse, damit sich die einzelnen Teilchen verändern können und ihre Energie auf die stumme Masse überspringt. Das zu organisieren und zuzulassen muss Aufgabe der Politik in dieser Stadt sein.

Wir brauchen in Chemnitz endlich ein Viertel, an dem sich die engagierten Bürger und vor allem die Jungen in dieser Stadt ohne Blockade und Bevormundung treffen und ihre Energien bündeln können, anstatt sich immer wieder zu verlaufen. Sowohl Bau- als auch Oberbürgermeisterin liegt zum Beispiel ein tragfähiges, aus den Reihen junger Chemnitzer kommendes Konzept für den Brühl vor – werden sie es diesmal zulassen ?

Am 7. Oktober 1989 haben wenige hundert Menschen in Karl-Marx-Stadt die friedliche Revolution eingeleitet. Der zentrale Satz der Protestnote, die an diesem Tag im hiesigen Schauspielhaus verlesen wurde, lautet: „Die Veränderung der Gesellschaft ist ein Prozess, der die Veränderung des einzelnen einschließt.“ So wurden aus hunderten, die sich gefunden hatten, Zehntausende, die sich ändern konnten. Und damit den Rest der Welt.

Karl-Marx-Stadt hatte sein 89. Jetzt braucht Chemnitz sein 68.

Quelle: Freie Presse vom 24.03.2011

Kritiker äußern Bedenken zum Gedenken

Erinnern zwischen Missbrauch und Aufklärung

Chemnitz. Das hätten sich die langjährigen Organisatoren des Chemnitzer Friedenstages wohl kaum träumen lassen, als sie für Freitagabend zu einer Podiumsdiskussion ins Alte Heizhaus der Technischen Universität eingeladen hatten. Wenige Stunden nach der Verleihung des Chemnitzer Friedenspreises 2011 wollten sie dort Bedenken zum Gedenken an den Jahrestag der Bombardierung der Stadt anmelden und diskutieren. Am Ende standen sie selbst im Kreuzfeuer. Zu wenig differenziert werde zwischen Opfern und Tätern; der Krieg und die Zerstörung der Stadt nicht deutlich genug als Folge der Naziherrschaft dargestellt, lauteten die wesentlichen Kritikpunkte.

Ein Vorwurf, der für nicht wenige der rührigen Aktivisten der Arbeitsgruppe Chemnitzer Friedenstag um Ex-Superintendent Christoph Magirius und den früheren Schauspieldirektor Hartwig Albiro, nur schwer zu ertragen ist. Zumal ihre Wortmeldungen für gewöhnlich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. „Die Herrschaft der braunen Diktatur war ein maßloses Verbrechen, die Zerstörung der Chemnitzer Innenstadt die Folge des Krieges der ,Herrenrasse‘“, heißt es etwa im aktuellen Programmheft des Friedenstages 2011. Ein geschichtlicher Zusammenhang, der von der Arbeitsgruppe als geradezu selbstverständlich angesehen wird.

Genau das aber, so warnen Kritiker, könnte sich als Problem erweisen. Angesichts eines Zeitgeistes, der die Deutschen im Zweiten Weltkrieg zunehmend als Opfer von Zerstörung und Vertreibung beschreibt, sei es fahrlässig, auf die stetige Erklärung geschichtlicher Zusammenhänge zu verzichten. Wer in der Öffentlichkeit das Thema Krieg und Frieden allein am 5. März festmache, so ihre Argumentation, verliere womöglich leicht aus dem Blickfeld, dass es davor einen 1. September 1939 und sechs weitere Jahre zuvor eine Machtübernahme der Nationalsozialisten gegeben habe, ohne die die Zerstörung von Chemnitz nicht erklärt werden könne.

Als Beleg dafür verweisen Kritiker auf eine Darstellung zur Geschichte des 5. März 1945, die auf der Internetseite des Chemnitzer Friedens- tages zu finden ist. Dort wird akribisch aufgezählt, wie viele Bomben an jenem Tag auf Chemnitz abgeworfen wurden, wie viele Wohnungen und Fabriken in Flammen aufgingen. Von den tausenden Zwangsarbeitern in der Stadt sei aber ebenso wenig zu lesen, wie von den Hunderten verfolgten Chemnitzern, die zu diesem Zeitpunkt in Konzentrations- und Vernichtungslagern bereits zu Tode gekommen waren.

„Viele Häftlinge und in der Illegalität Untergetauchte haben den Tag der Bombardierung tatsächlich als Tag der Rettung und Befreiung empfunden. Das sollte man nicht vergessen“, mahnt Thiemo Kirmse von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Einen möglichen Ausweg aus dem Gedenk-Dilemma sieht er in einer Umorientierung der Friedensarbeit auf den Anti-Kriegstag am 1. September oder den Internationalen Tag des Friedens, der auf Initiative der Uno am 21. September begangen wird. Dies aber, so die Sorge der Friedenstag-Initiatoren, würde womöglich dazu führen, dass der 5. März in Chemnitz alsbald gänzlich dem seit Jahren versuchten Missbrauch durch Rechtsextremisten überlassen werden würde.

Mit der neu aufgebrochenen Diskussion sehen sich die Friedenstag-Organisatoren mit einer Frage konfrontiert, die in der Stadt seit Anfang der 1990er-Jahre immer wieder für Debatten gesorgt hat und die letztlich Antrieb für ihr eigenes Engagement gewesen war: Wie sollte man den 5. März 1945 einordnen in die Geschichte der Stadt, wofür sollte dieser Tag am Samstag stehen und Anlass sein? Eine Gruppe um den 2005 verstorbenen Studentenpfarrer und Friedensaktivisten Hans-Jochen Vogel war es schließlich, die sich daran machte, über den 5. März neu nachzudenken. „Unsere Sorge war, dass dieser Tag verkommt zu einem Tag der Routine, der Erinnerung und Trauer“, erinnert sich Hartwig Albiro an die Anfänge des Friedens- tages. Dessen Grundidee, so betont sein Mitstreiter Christoph Magirius, sei es gewesen, den Blick nach vorn zu richten, „aus der Vergangenheit Impulse aufzunehmen, um die Gegenwart zu gestalten“. Einem Anspruch, dem die Arbeitsgruppe bis heute treu geblieben ist.

Um eine grundsätzliche Debatte zur Gedenk- und Erinnerungskultur aber werde trotzdem weder sie noch die Stadt Chemnitz umhinkommen, glaubt Teresa Pinheiro, Inhaberin der Juniorprofessur Kultureller und Sozialer Wandel an der TU Chemnitz. Als gebürtige Portugiesin ist sie quasi von Haus aus vertraut mit Schwierigkeiten im Umgang mit der Vergangenheit – in ihrem Heimatland herrschte ebenso wie im Nachbarland Spanien bis in die 1970er-Jahre hinein Diktatur. Weil die Generation der Zeitzeugen des Geschehens vor sechseinhalb Jahrzehnten allmählich ausstirbt, so Pinheiro, sei man überall in der Welt zunehmend gezwungen, sich Erinnerung an Krieg und Holocaust anderweitig zu bewahren. An die Stelle des individuellen, von den jeweiligen persönlichen Erfahrungen geprägten Weitererzählens dessen, was sich ereignet hat, werde eine Art kulturelles Gedächtnis treten müssen. Wie dieses aussehen soll, darüber aber müsse zunächst ein gesellschaftlicher Konsens hergestellt werden. Unstrittig sei ihrer Auffassung nach eines: „Der 5. März 1945 hat bereits 1933 begonnen.“

Quelle: Freie Presse am 5. März 2011