Das Tränenmeer trocken legen – Kritik am Chemnitzer Totenkult

Die Bombardierung deutscher Städte durch die alliierten Flugverbände ist jedes Jahr aufs Neue eine dramatische Begebenheit. Vielerorts werden derartige Jubiläen auf unterschiedliche Art und Weise begangen. Auch Chemnitz ist seit vielen Jahren damit beschäftigt die emotionalisierte Erinnerung an den Angriff auf die Stadt im Gewand verschiedener politischer und kultureller Veranstaltungen zu zelebrieren. Im Fokus stehen hier wie auch andernorts vor allem die eigene Betroffenheit und das „unsagbare Leid“1, welches mit dem Angriff scheinbar über die Bevölkerung der Stadt herein brach.
Der daraus erwachsende Anspruch, bezogen auf die Opfer – „würdig“ zu Gedenken – verbindet sich mit dem Wunsch, sich an diesem Tag für den Frieden in der Welt stark zu machen und wird mit allerlei (welt-)anschaulichem Habitus verdeutlicht. Leider glänzen die Akteur/innen dabei nicht unbedingt mit der inhaltlich korrekten Vermittlung historischer Gegebenheiten.
Frei nach dem Motto: „Wer Wert auf den historischen Kontext legt, kann sich ja damit auseinandersetzen“ kann in Chemnitz fast jede/r das jeweilige Verständnis von Krieg, Frieden, Volk und Leid bzw. die eigens konstruierte „richtige“ Perspektive auf die Tatsachen in der Vergangenheit sowie der heutigen Weltpolitik zu Schau stellen. Da wir uns nicht als integralen Bestandteil solcher Veranstaltungen begreifen und ebenso wenig die Rolle des „schlechten Gewissens der Geschichte“ spielen wollen, setzen wir die Kritik dort an, wo sie im Allgemeinen beginnen sollte: Innerhalb der mehrheitsfähigen Bevölkerungsgruppen.
Daher folgt an dieser Stelle ein kritischer Beitrag zu einem stark emotionalisierten Thema, von dem innigst erwünscht wird, es mit der selben gefühlsduseligen Färbung frei von kritischer Betrachtung auch offiziell begehen zu können. Die Diskussion auf dieser wenig sachlichen Ebene zu führen, ist jedoch absolut nicht unser Anliegen. 65 Jahre nach Kriegsende ist es für uns weiterhin wichtig wider ein geschichtsrevisionistisches Geschichtsbild und einen verbrämten Bezug auf eine geläuterte Nation anzustehen und uns damit der Verkehrung der Geschichte zu widersetzen.
Es ist wieder deutsche Normalität, in der Öffentlichkeit auf die „eigenen Verluste“2 im Krieg hinzuweisen und damit gleichzeitig für sich in Anspruch zu nehmen, diese ebenfalls in aller Öffentlichkeit betrauern zu dürfen. Solches Verhalten entzieht sich in verschiedenen Dimensionen nicht nur jeder historischen Verantwortung, sondern verkennt auch die spezifisch deutschen Verbrechen des Nationalsozialismus und des II. Weltkrieges.
Deshalb ist es also weder angebracht noch legitim, deutsche Kriegstote ihrer aktiven Teilnahme am Nationalsozialismus zu entheben. Gleichzeitig versucht sich die öffentliche Trauer an die Betroffenheit der von Deutschland überfallenen Staaten anzunähern und das bewegende Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit herbeizutrauern. Die Gleichstellung der Chemnitzer Bevölkerung mit von den Nazis verfolgten und ermordeten Menschen ist wie das damit verbundene öffentliche Gedenken abzulehnen. Aber auch eine Gedenkkultur, die auf persönlicher Betroffenheit und unter Beteiligung von damals lebenden Angehörigen basiert, muss zwangsläufig jeglicher Reflexion über persönliche Mitschuld am Nationalsozialismus entbehren. Sich aber genau damit auseinander zu setzen, wird gerade, weil es das Betroffenheitsvermögen aller Beteiligten bei weitem übersteigen müsse, verdrängt, ausgeblendet oder offen abgewehrt.
Wie jedes Jahr finden auch am 05.03.2010 verschiedene Veranstaltungen, die sich sowohl mit der Bombardierung der Stadt im Jahre 1945, als auch mit dem Nationalsozialismus an sich auseinandersetzen, statt. Sie werden gerahmt von ausreichend „Events“, die sich weder dem einen noch dem anderen Themenkomplex widmen.
Die Frage nach Sinnhaftigkeit und Zielstellung dieses Handelns bleibt allerdings seit Jahren offen. Oder sollte an dieser Stelle die gewagte Vermutung in den Raum gestellt werden, es handle sich dabei um die praktische Verklärung der Rolle von Chemnitz während des Nationalsozialismus?!

Same procedure as every year?
Zunächst ein kleiner Exkurs über eine zentrale Gruppe der lokalen Gedenklandschaft: Der „Chemnitzer Friedenstag“.
Aufgrund mangelnder inhaltlicher Positionierungen seitens derselben wird hier gezwungenermaßen auf die bereits im letzten Jahr formulierte Kritik an deren Ausrichtung verwiesen.3 Trotz forcierter Diskussionsprozesse ist nichts als das alljährlich tradierte friedenstätliche Verhalten wahrzunehmen.4 In nimmer versiegender Zufriedenheit schafft diese Gruppe nicht den Schritt aus der Stagnation und schaut über den Rand des eigenen einheimischen Eintopftellers hinaus. Vielmehr wird den Gästen ein nach wie vor undefinierbares Süppchen aus Frieden und Folklore mit einer schwer verdaulichen Einlage aus der Mär vom alliierten Bombenterror und deutschem Opfermythos serviert. Dieses Rezept – altbewährt seit Omas Jugend – scheint auch gegenwärtig allseits zu munden. Im Rahmen zahlreicher Veranstaltungen wird an die toten Chemnitzer/innen erinnert.5 Diese wiederum werden generalisiert, ohne dabei eine Differenzierung zwischen vom NS-Regime Verfolgten, Zwangsarbeitenden und Widerständler/innen einerseits, sowie NSDAP-Funktionär/innen, SS-Mitgliedern, Wehrmachtssoldaten6 und loyalen bis zumindest passiv duldenden Volksgenoss/innen an der „Heimatfront“ andererseits vorzunehmen.
Jegliche Kritik daran wird als Haar in der Suppe wahrgenommen, setzt sie sich doch über die anhimmelnde Atmosphäre der über viele Jahre zur Tradition abgefeierten, kollektiven Neuidentifikationen mit allgemeiner „Friedlichkeit“ hinweg.
Die leidliche Argumentation, aus welchen Gründen dieser Tag in Trauer zu begehen sei, bezieht sich einzig auf den Fakt der Bombardierung der Stadt Chemnitz in der Nacht vom 5. auf den 6. März 1945 durch die Alliierten. Die Kritik nimmt dabei ausschließlich Bezug auf Art und Ergebnis dieses Angriffs, nicht aber auf den historischen Kontext des deutschen Nationalsozialismus, aus welchem heraus er stattfand. Dabei wird nur beiläufig erwähnt, dass Chemnitz einen kriegsrelevanten7 Ort der Rüstungsproduktion im Deutschen Reich stellte. Die Vernachlässigung solch relevanter Fakten hinterlässt jedoch schon eine Priese von Geschichtsverfälschung – wie jedes Jahr also, same procedure!
Dabei ist der penetrant Verwendung findende Friedensbegriff, in einer Welt materieller wie realer Zwangs- und Gewaltverhältnisse, das ideologische Schlagwort eines fast schon missionarischen Anspruchs. Mit dem Hinweis auf eigens erfahrene alliierte „Ungerechtigkeiten“ wird zur neuen Friedensmission Deutschlands in der Welt aufgerufen. Identifikatorisches Potential bekommt der Begriff des Friedens offensichtlich nur aus der Tatsache, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte und damit eine „neuer deutscher Weg“ für Weltmachtinteressen gewählt werden musste – oder aus der Erkenntnis, dass auch die „Volksgemeinschaft“ nicht immer bombenfest ist…
Die Argumentation, dass „der Krieg nach Deutschland zurückkehrte“8, vernachlässigt völlig die ideologische Begründung und Praxis des deutschen Eroberungs- und Vernichtungsfeldzuges. Das Geschehen in Chemnitz ist keineswegs zu vergleichen mit Städten wie Guernica, Coventry und unzähligen anderen, weil von diesen Orten eben nicht der totale Krieg der nationalsozialistischen Deutschen ausging und bis zur letzten Patrone mit der Inbrunst eines Gotteskriegers9 getragen wurde.
So muss die trauernde Bevölkerung von wesentlichen historischen Aspekten abstrahieren: Die toten Menschen, die das System des Nationalsozialismus unterstützt oder zumindest bereitwillig hingenommen haben, werden gleichgesetzt mit den Toten der NS-Barbarei oder denen anderer Kriege. Chemnitz als Produktionsstandort für die Unterstützung von Krieg und industrieller Massenvernichtung wird lediglich zu einer weiteren angeblich sinnlos zerstörten Stadt im Zuge des Zweiten Weltkrieges herab relativiert. Diesem Gedankengang folgend fragen wir: Weshalb kommt eigentlich kein Mensch auf die Idee, die ersten materiellen Opfer eines Bombenabwurfes über Chemnitz im Jahre 1941 zu betrauern? Das waren mehrere Fensterscheiben und eine Gartenlaube inklusive Trockentoilette.10

Ähnliche Herangehensweisen wie jene des „Friedenstages“ teilen einige im „Chemnitzer Bündnis für Frieden und Toleranz – Kein Platz für Nazis“, im Rahmen des 5. März aktiven Gruppen dieser Stadt: Aus eher beiläufig zustande gekommenen Aufrufen und mangelndem Verständnis über die vermittelten Inhalte folgt lediglich der „No Nazis“-Konsens, ohne dabei aber die Ursachen der Entstehung von menschenverachtendem Denken zu berücksichtigen. Eigene geschichtsverfälschende Ansätze werden hier vehement ausgeblendet oder im Sinne der Friedensfeste verklärt. Ein positiver Bezug auf die Toten dieser Nacht in ihrer Gesamtheit ist nicht möglich unter der Betrachtung, dass nur unter Toleranz und Unterstützung, der sich selbst als „Volksgemeinschaft“ begreifenden Deutschen, die Chemnitzer Bevölkerung eingeschlossen, die Vernichtung 6 Mio. europäischer Jüdinnen und Juden sowie anderer verfolgter Gruppen, begangen werden konnte. Trotzdem ist positiv zu bemerken, dass in Anbetracht der Naziaktivitäten an diesem Tag seit Jahren erstmalig zwar verkürzte, aber öffentliche Kritik formuliert wird.

Next procedere: Chemnitzer Zustände 1933-45
Um den Gegenstand der Bombardierung von Chemnitz zu erfassen, muss zunächst die Rüstungsentwicklung und die Lage der Alliierten in dieser Zeit nachvollzogen werden. Zu Beginn der 1930er Jahre fungierte das Gebiet Sachsen zunächst als Standort der mittelständischen Konsumgüterherstellung11. Bereits der Zeitraum von 1934 bis 1936 war geprägt von ersten Maßnahmen zur wirtschaftlichen Ausrichtung auf den Krieg: Beispielsweise wurde im Jahre 1935 die Rüstungsforschung an den Technischen Staatslehranstalten Chemnitz im Bereich Flugwesen eingesetzt. Die ersten Ergebnisse wurden beim Bau der Wanderer Werke Schönau 1938 verwendet, um den verbesserten Schutz vor Luftbombenangriffen zu gewährleisten.12 1936 erfolgte der Guss von Granaten in der Stahlgießerei Krautheim AG. Daneben existierten verschiedene Rüstungsproduzenten13 in Chemnitz, Unternehmen, die dem Militär direkt in die Hände produzierten wie z.B. Panzermotoren, Instrumente für Panzer und Flugzeuge, Maschinengewehrteile etc.
In ihrer Gesamtheit umfasste diese Verarbeitungsmaschinerie zahlreiche indirekte Produzenten, um die Folgen des Krieges zu mildern. Dazu zählten u.a. Holzgasventile zur Einsparung von Treibstoff im zivilen Bereich, um die Aktionsbereitschaft des Deutschen Militärs sicherzustellen14 oder Protesen für Kriegsveteranen15, um deren industrielle Arbeitskraft aufrecht zu erhalten.
Kurz nach Aufnahme der Kampfhandlungen 1939 wurden die ersten Betriebe als „nicht kriegswichtig“ geschlossen. Mit dem Scheitern der Blitzkriegstrategie im Jahre 1941 wurde Sachsen und damit auch Chemnitz vollständig in den Rüstungsplan des Dritten Reiches integriert16.
Im Verlauf des II. Weltkrieges gewann die sächsische Region zunehmend an Bedeutung. Durch das Vorrücken der Alliierten von allen Seiten wurden die sächsischen Betriebe immer wichtiger für die Gewährleistung weiterer Kriegshandlungen. Im Kontext der alliierten Verluste während der Operation Market Garden sowie der erfolgreich gestarteten Ardennen-Offensive im Winter 1944/45 konnte auf ein baldiges Kriegsende nicht geschlossen werden. Gerade in dieser Situation ist die Entscheidung, Ballungszentren, in denen Rüstungsproduktion und Infrastruktur in besonderer Konzentration vorlagen, zu zerstören, ein wichtiger Schritt für die Niederschlagung des Nationalsozialismus.
Die Alliierten unterschätzten jedoch die Bedeutung des Werkes Siegmar für die Kriegsproduktion. Nach Aussagen des United States Strategic Bombing Survey hätte die Zerstörung des Werkes zu einem „kompletten Ausfall des Nachschubes von Panzermotoren“ geführt.17 Ein Kritisieren der Flächenbombardements, besonders der Alliierten, verfehlt das Objekt der Kritik völlig. Im „Butt-Report“18 1941 wurde festgestellt, dass lediglich 20% der Bomber ihr Ziel in einem Fünf-Meilen-Radius trafen.19 Auch die Witterungsbedingungen erhöhten nicht deren Zielgenauigkeit, sodass Chemnitz erst bei der vierten Bombardierung wie geplant getroffen wurde. Zudem ist es in der Situation des Totalen Deutschen Kriegs gegen die Welt schlichtweg logisch, zur Schonung der eigenen Truppen und zur Brechung des feindlichen Widerstandes Flächenbombardements durchzuführen, um wesentliche strategische Punkte auszuschalten.

Die Anforderungen an die Zwangsarbeitenden zeigen wie leistungsfähig die damalige Produktion war und noch werden sollte. So wurde 1943 nicht nur die allgemeine Arbeitspflicht für Männer und Frauen eingeführt, sondern auch ein Verein zur Organisation von Zwangsarbeit20 in Chemnitz gegründet. Um den generellen „Menschenbedarf“21 zu befriedigen, wurden immer mehr Menschen aus besetzten Gebieten verschleppt und unter miserablen Umständen zur Arbeit gezwungen. Eine Besserung der Lebensbedingungen erfolgte nur unter dem Blickwinkel des Erhaltens der Arbeitskraft.22 Gerade für die sogenannten „Ostarbeiter“ stellte sich die Lage als besonders prekär dar. Wo Zwangsarbeitende aus den westlichen Gebieten geringfügig besser versorgt wurden, waren die Haupttodesursachen der „Ostarbeiter“ deren Arbeits- sowie Lebensbedingungen. Wer arbeitsunfähig oder schwer erkrankt war, konnte auch im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms getötet werden. Zahlreiche Lager waren über das Gebiet von Chemnitz verteilt – das Bild von Zwangsarbeit war Teil des Alltags in Anbetracht von etwa 20.000 Zwangsarbeitenden.23

Die Chemnitzer Tageszeitung lieferte bereits in der Ausgabe vom 21.3.1933 einen Vorgeschmack auf Holocaust und Massenvernichtung: „Wenn Hitler etwas passiert … wird ein entsetzliches Blutbad, wie es die Weltgeschichte in seinem grauenvollem Ausmaße noch nicht gesehen hat, an den Juden vollzogen“24.
Mit den bereits vor 1933 begonnenen Diskriminierungen und Verfolgungen wurden bis 1945 insgesamt 2000 Jüdinnen und Juden von Chemnitz aus deportiert und ermordet.
Der damalige Bürgermeister von Chemnitz und SA-Oberführer Walter Schmidt führte erstmalig den so genannten „Judenpranger“ ein. In diesem amtlichen Aushang konnten Sympatisanten/innen von Jüdinnen und Juden durch eine Meldung frei denunziert werden. Seine Idee wurde bis in hohe Kreise der NS-Führung gelobt und sollte auch in anderen Städten eingesetzt werden. Der Gau-Geschäftsführer äußerte allerdings Kritik an diesem Vorhaben, denn die „Warenhäuser können und wollen wir [Die Nazis] nicht auf den Tag zerschlagen. Der Führer wird den Zeitpunkt bestimmen“.25 Unter Leitung des Chemnitzer Bürgermeisters entwickelte sich ein „widerwärtiges Spitzel- und Angebertum“ dessen Machtbasis sich auf „1800 Nazis in Ämter[n] und Betrieben“ stütze.26
Nicht nur die Stadtväter waren an der Judenverfolgung beteiligt. So beschreibt ein Augenzeuge am 09.11.1938 einen grölenden Menschenauflauf vor der Synagoge. „SA-Männer und auch fanatisierte Jugendliche“27 stürmten das Eingangstor und legten Feuer. Die im Vorfeld verhafteten Jüdinnen und Juden wurden gezwungen diesem Szenario beizuwohnen und anschließend zurück ins Gefängnis gesperrt. Der Vorstand der Gemeinde sollte später die Zustimmung zum „Abriss“ des Hauses unterzeichnen, wogegen er sich widersetzte und daraufhin am 12.11.1938 in das KZ Buchenwald deportiert wurde. Am Tag nach dem Pogrom waren die Straßen von gebrandschatzten jüdischen Geschäften gesäumt.
Der Fanatismus der Deutschen im Dritten Reich äußerte sich nicht nur in der Behandlung von Jüdinnen und Juden. Gerade in der Umsetzung des Erbgesundheitsgesetzes kam es nicht nur zu Selbstanzeigen, auch denunzierten Eltern ihre Kinder oder Lehrer ihre Schüler28.
Im unentwegten Glauben an den Endsieg wurde schon in voreilendem Gehorsam vom Chemnitzer Schulamtsleiter Dr. Dieterle der Vorschlag gebracht, Schüler als Luftwaffenhelfer einzusetzen29, Tage vor dem Aufruf des Reichsprogandasministers J. Goebbels zu „Totalen Krieg“.
Über das darauffolgende Jahr ergoss sich eine Reihe von Massenveranstaltungen. Zum „Führer“-Geburtstag versammelten sich 9000 Menschen am Adolf-Hitler-Platz30 – heutiger Theaterplatz – um ihm ihre Ergebenheit zu demonstrieren. Auch das 1944 so genannte SA-Standarten-Wehrschießen war mit 16000 Teilnehmenden gut besucht. Die größte Veranstaltung ereignete sich am 12.11.1944 zur allgemeinen Vereidigung des Volkssturms, um „dem Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler, bedingungslos treu und gehorsam“ zu dienen.31 Diesem Eid folgten „einige zehntausende Menschen“32 (sic!) auf dem Adolf-Hitler-Platz.

Ein weiterer Ausdruck dieses Fanatismus ist der deutsche Durchhaltewillen: Das ursprüngliche Angebot zur Kapitulation durch die US Army vom 17.4.1945 wurde ungeöffnet zum Absender zurückgeschickt. Die Chemnitzer Zeitung meldete am folgenden Tag „Die Stadt ist zur Front geworden“33 – völlig unerwartet versteht sich. Erst die Meldung über Adolf Hitlers Ableben ermöglichte eine Waffenstillstandsvereinbarung mit Generalleutnant Heidkemper von der 6. US-Panzerdivision.
Bei Betrachtung der längerfristigen Folgen des Zweiten Weltkrieges für Deutschland erscheint dessen Geschichte als ein Stück Ironie. Zwar wurden Teile der deutschen Gebiete von den Alliierten besetzt, zerstört und einem doch recht kurzen, unbeherzten Entnazifizierungsprozess unterzogen. Das folgende Wirtschaftswunder jedoch, welches u.a. auf Grundlage der Aneignung größtenteils jüdischen Eigentums und auf Ausbeutung der Arbeitskraft von Zwangsarbeitenden34 basierte, sicherte vorrangig der BRD einen Platz an der Weltspitze in der Schlacht der produktivsten ideellen Gesamtkapitalisten. In der DDR erfolgte dies erst wesentlich später aufgrund der geleisteten Reperationszahlungen an die SU. Gerade das Symbol Wirtschaftswunder, der VW Käfer – ursprünglich gedacht für zwei Soldaten und ein Maschinengewehr35 – ist genau das deutsche Konzept zur Krisenlösung, nämlich Massenvernichtung.

Last procedure: Never relax with germany!
Selbstverständlich gilt diese Kritik nicht nur dem öffentlichen Gedenken an die Bombentoten sondern auch speziell denen, die sich nach wie vor als Retter und Rächer der Deutschen „Volksgemeinschaft“ verstehen: den Nazis, ähm…Verzeihung: neokonservativen Neurechten!36
Dabei verkürzt die die alleinige Behauptung, dass sie das Gedenken „instrumentalisieren und für ihre Zwecke missbrauchen“ die Problematik. Vielmehr bietet es ihnen die Möglichkeit inhaltlich wie auch emotional an den in weiten Teilen der Bevölkerung anerkannten Gedanken anzuknüpfen. Jeder gemeinschaftliche Akt des Erinnerns an deutsche Tote in ihrer Gesamtheit als Opfer des Nationalsozialismus und Zweiten Weltkriegs instrumentalisiert die Trauer. Sei dies nun zu verstehen als Kompensationsleistung des nicht geglückten Versuchs, die Welt „am deutschen Wesen genesen“ zu lassen oder dem Streben nach einer kollektiven Amnesie, die versucht, deutsche Vernichtungsabsichten gemeinsam zu verdrängen. Gerade daraus ergibt sich das neue identifikatorische Potential, jedes Individuum als Deutsch-Nationales zu integrieren.

Die praktische Umsetzung der Prozedur in Chemnitz ähnelt einem Wettstreit:
Die immer wieder bekundete Friedlichkeit und Suche nach der nächsten Möglichkeit, sich noch friedlicher darzustellen, ist vielleicht nur die höhere „Verantwortung vor Gott und den Menschen“37, von welcher bereits das Grundgesetz spricht. Somit wird „der Frieden“ nicht ein Zustand, den Menschen um ihrer Selbstwillen erreichen wollen, sondern etwas über den Dingen Stehendes, dem die Deutschen per Gesetz verpflichtet werden zu „dienen“38. Gleichzeitig betreibt die Problematisierung gegenwärtiger deutscher Kriegsteilnahme keine emanzipatorische Kritik an deutschem Großmachtstreben, sondern verklärt neue menschenfeindliche Ideologien und Praxen ethnopluralistisch zu „anderen Kulturen“ und begründet in antiimperialistischem Duktus antiamerikanische und antiwestliche Ressentiments erneut.
Ein anderes Konkurrenzobjekt beschreibt das Thematisieren des während der Bombardierung zerstörten Kinderheims in Bernsdorf als exzellente Möglichkeit, einen der vorderen Plätze auf dem Betroffenheitstreppchen zu besetzen. Dieses Vorgehen grenzt an Zynismus in Anbetracht des gesamtdeutschen Projekts, der Umsetzung der Nürnberger Rassegesetze und damit der „Endlösung der Judenfrage“, sowie eliminatorischen Absichten nationalsozialistischer Eugenik. Der Trauergesellschaft ist es in ihrem Bestreben nach Verdrängung scheinbar nicht möglich, aus der eigenen Rolle zu schlüpfen. Das traditionelle Hervorheben der „alliierten Kriegsverbrechen“ führt zur Verklärung der Rolle der Deutschen, bis die Vergangenheit zum schrecklichen Schicksalsschlag stilisiert ist. Ausgeklammert bleibt dabei die Tatsache, dass die Kriegsgeschehen nicht erlitten, sondern durch Zustimmung und Teilhabe an den NS-Verbrechen aktiv herbei geführt wurden.

Letztendlich ließen es die gesellschaftlichen Aspekte nicht zu, den deutschen Vernichtungs- und Eroberungsplänen ohne den Einsatz von Bomben effektiv Einhalt zu gebieten.
Die einfache Forderung nach Frieden an diesem Datum relativiert die Geschehnisse und die Singularität des deutschen Vernichtungskrieges und der Shoah. Es verhöhnt dabei die tatsächlichen Betroffenen, welche durch eine kriegerische Intervention und eben nicht durch passiven Widerstand, Ignoranz oder Hinnahme dem nationalsozialistischen Wahn entrissen werden konnten; ebenso wie jene, für welche alle Hilfe zu spät kam. Dies schafft die zwangsläufig nötigen Schnittstellen für Nazis, an denen sie ohne weiteres anknüpfen, und riskiert, dass solche menschenverachtenden Inhalte erneute Massenkompatibilität erreichen.
Gleichzeitig wird sich automatisch außerhalb eines Diskurses um eine freie, emanzipierte und aus Geschichte lernende Gesellschaft gestellt.
Die einzige Lehre, die gezogen werden kann, besteht darin, einen Bruch mit der kapitalistisch verfassten, in Nationalstaaten organisierten Gesellschaft zu vollziehen. Daran anschließend erscheint es durchaus legitim, imperiale Kriege und das gewaltförmige Konkurrieren in einer kapitalistisch ausdefinierten Welt zu kritisieren. Dies aber an einem Datum zu tun, welches für den Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland steht, kann nichts als Revisionismus bedeuten. Aus dem auf dieser Gesellschaft aufbauendem deutschen Sonderweg – der Vernichtung hieß und bis heute als Identität gedacht wird39 – muss die Lehre gezogen werden, dass so etwas wie die Shoah nie wieder geschehen darf. Die Verklärung der Rolle der Deutschen wie auch der Chemnitzer Bevölkerung in Bezug auf NS, Massenvernichtung und Zweiten Weltkrieg verbittet sich daher von selbst. Eine Versöhnung mit dem deutschen Kollektiv kann es nicht geben, nicht gestern, nicht heute und nicht für alle Zeiten.

Das Tränenmeer trockenlegen.
Kein kollektives Trauern um „deutsche Opfer“ am 5. März!

12.02.2010
AG Autonomes Historiker/innen Kollektiv der Antifaschistischen Aktion Chemnitz / AAK

  1. Vgl. So bezeichnet der Chemnitzer Friedenstag die Bombardierung als „Flammeninferno“ http://chemnitzer-friedenstag.de/2009/bomben.html und fragt sich warum „niemand rechtzeitig Einhalt geboten“ http://chemnitzer-friedenstag.de/2009/hintergrund.html#Argumente hat. [zurück]
  2. Vgl. In einer Rede des Landrats Michael Geisler in Pirna wurde im Rahmen einer Kundgebung zum Gedenken der Befreiung von Auschwitz an die deutschen Opfer gedacht, darunter zählte er neben ermordete Juden, Christen, Sinti und Roma auch Vertriebene, SS-, Wehrmachtsangehörige und Soldat_innen der Bundeswehr in Afghanistan http://kulturhaus-pirna.de/akubiz/modules/news/index.php?storytopic=2. [zurück]
  3. Vgl. http://aak.blogsport.de/2009/03/02/kritik-am-chemnitzer-friedenstag-gedenkpolitik-anlaesslich-der-und-dessen-bombardierung-von-chemnitz-1945/. [zurück]
  4. Vgl. An dieser Stelle muss jedoch anerkennend darauf verwiesen werden, dass zumindest das Layout der Website variiert. Zur Zeit ist die aktuelle Seite Offline. (Stand 3.2.2010). [zurück]
  5. Vgl. Jeweils fünf Veranstaltungen zum Thema Frieden und zum Thema Gedenken http://chemnitzer-friedenstag.de/2009/programm.html#Fokus. [zurück]
  6. Vgl. Wehrmachtssoldaten werden als zu Toten einfach hinzugerechnet http://chemnitzer-friedenstag.de/2009/bomben.html. [zurück]
  7. Vgl. dieser Begriff wurde von J. Goebbels geprägt. [zurück]
  8. Vgl. Eine gern wiederholte Redewendung, die Chemnitzer Bürgermeister Miko Runkel in einer Rede am Chemnitzer Friedenskreuz am 5.3.2009 verwendet hat. [zurück]
  9. Vgl. Winston Churchill bezeichnete Hitlers „Mein Kampf“ als „den neuen Koran für Deutsche“ ISF Freiburg „Die Konterrevolution gegen Israel“ Phase 2 Nr. 29 http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=626&print=#u2. [zurück]
  10. Vgl. Chemnitzer Erinnerungen 1945 Teil III : Die Vororte der Stadt Chemnitz Verlag Heimatland Sachsen Chemnitz Gmbh, Chemnitz 2005, S. 33, verursacht durch einen verirrten Bomber. [zurück]
  11. Vgl. Chemnitzer Stadtarchiv Heft 10 – Chemnitz in der NS-Zeit – Beiträge zur Stadtgeschichte 1933-1945 1. Auflage Leipzig O.K. Grafik 2008 S.173. [zurück]
  12. Vgl. ebd., S.175. [zurück]
  13. Vgl. Anm.11, S.176-187, Es wurden 44 direkte Rüstungsproduzenten in einer Liste 1944 erfasst und es gab noch zahlreiche weitere. [zurück]
  14. Vgl. Anm. 11, S.190. [zurück]
  15. Vgl. ebd., S.188. [zurück]
  16. Vgl. ebd., S.175. [zurück]
  17. Vgl. Anm.10, S. 52. [zurück]
  18. Vgl. ebd., S.33. [zurück]
  19. Auch im Bezug auf heutige Kriegstechnologien, ist es ebenso pervers von einer humanen Kriegsführung zu sprechen. Es gilt aber hierbei den entsprechenden Kontext zu beachten. [zurück]
  20. Vgl. Anm. 11, S. 206, „Ausländer-Gemeindschaftslager des Chemnitzer Kohlehandels e.V.“ . [zurück]
  21. Vgl. Anm. 11, S. 188, damalige Aktenbezeichnung. [zurück]
  22. Vgl. Anm. 11, S. 207. [zurück]
  23. Vgl. ebd., S.207. [zurück]
  24. Vgl. Chemnitzer Tageszeitung Nr. 68 21.3.1933. [zurück]
  25. Vgl. Diamant, Adolf: Chronik der Juden in Chemnitz: Aufstieg und Untergang einer jüdischen Gemeinde in Sachsen, Frankfurt am Main 1970, S.124. [zurück]
  26. Vgl. ebd., S.128. [zurück]
  27. Vgl. ebd.; S.133. [zurück]
  28. Vgl. Anm. 11, S. 152. [zurück]
  29. Vgl. Anm. 10, S. 19. [zurück]
  30. Vgl. ebd., S. 14. [zurück]
  31. Vgl. ebd., S. 14. [zurück]
  32. Vgl. ebd., S. 15. [zurück]
  33. Vgl. ebd., S. 22. [zurück]
  34. Vgl. Nach Forschungen des Wirtschaftswissenschaftlers T. Kuczynski würden sich die Löhne für die geleistete Zwangsarbeit auf mindestens 180 Mrd. DM belaufen. Um den Wirtschaftstandort Deutschland nicht zu gefährden, wurde mit Hilfe der damaligen Bundesregierung aus dem Zwangsarbeiter_innen-Entschädigungsfond jedoch nur zehn Mrd. DM gezahlt. Brotsamen vom Herrentisch von Thomas Kuczynski. [zurück]
  35. Vgl. Scheit, Gerhard: Die Meister der Kirse – Über Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand, ca ira-Verlag, Freiburg 2001, S. 86, Aussage von Chefkonstrukteur Ferdinand Porsche. [zurück]
  36. Vgl. Prozess am Amtsgericht Chemnitz Dezember 2009 wegen Beleidigung: Benjamin Jahn Zschoke (KSA, Blaue Narzisse, …) darf nicht öffentlich Nazi genannt werden, stattdessen solle er eher als Neurechter, Konservativer, Sympathisant von Nazis, etc. bezeichnet werden. [zurück]
  37. Vgl. Grundgesetz Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949, Prämbel, http://www.bundestag.de/dokumente/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_00.html . [zurück]
  38. Vgl. ebd. http://www.bundestag.de/dokumente/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_00.html. [zurück]
  39. „Die Verantwortung aus der Shoa ist und bleibt Teil der deutschen Identität“ Bundespräsident Horst Köhler in einer Rede vom 26.1.2010 in Berlin http://www.bundespraesident.de/-,2.661404/Tischrede-von-Bundespraesident.htm. [zurück]

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