Archiv für Januar 2011

Das Tränenmeer trocken legen – Kritik am Chemnitzer Totenkult

Die Bombardierung deutscher Städte durch die alliierten Flugverbände ist jedes Jahr aufs Neue eine dramatische Begebenheit. Vielerorts werden derartige Jubiläen auf unterschiedliche Art und Weise begangen. Auch Chemnitz ist seit vielen Jahren damit beschäftigt die emotionalisierte Erinnerung an den Angriff auf die Stadt im Gewand verschiedener politischer und kultureller Veranstaltungen zu zelebrieren. Im Fokus stehen hier wie auch andernorts vor allem die eigene Betroffenheit und das „unsagbare Leid“1, welches mit dem Angriff scheinbar über die Bevölkerung der Stadt herein brach.
Der daraus erwachsende Anspruch, bezogen auf die Opfer – „würdig“ zu Gedenken – verbindet sich mit dem Wunsch, sich an diesem Tag für den Frieden in der Welt stark zu machen und wird mit allerlei (welt-)anschaulichem Habitus verdeutlicht. Leider glänzen die Akteur/innen dabei nicht unbedingt mit der inhaltlich korrekten Vermittlung historischer Gegebenheiten.
Frei nach dem Motto: „Wer Wert auf den historischen Kontext legt, kann sich ja damit auseinandersetzen“ kann in Chemnitz fast jede/r das jeweilige Verständnis von Krieg, Frieden, Volk und Leid bzw. die eigens konstruierte „richtige“ Perspektive auf die Tatsachen in der Vergangenheit sowie der heutigen Weltpolitik zu Schau stellen. Da wir uns nicht als integralen Bestandteil solcher Veranstaltungen begreifen und ebenso wenig die Rolle des „schlechten Gewissens der Geschichte“ spielen wollen, setzen wir die Kritik dort an, wo sie im Allgemeinen beginnen sollte: Innerhalb der mehrheitsfähigen Bevölkerungsgruppen.
Daher folgt an dieser Stelle ein kritischer Beitrag zu einem stark emotionalisierten Thema, von dem innigst erwünscht wird, es mit der selben gefühlsduseligen Färbung frei von kritischer Betrachtung auch offiziell begehen zu können. Die Diskussion auf dieser wenig sachlichen Ebene zu führen, ist jedoch absolut nicht unser Anliegen. 65 Jahre nach Kriegsende ist es für uns weiterhin wichtig wider ein geschichtsrevisionistisches Geschichtsbild und einen verbrämten Bezug auf eine geläuterte Nation anzustehen und uns damit der Verkehrung der Geschichte zu widersetzen.
Es ist wieder deutsche Normalität, in der Öffentlichkeit auf die „eigenen Verluste“2 im Krieg hinzuweisen und damit gleichzeitig für sich in Anspruch zu nehmen, diese ebenfalls in aller Öffentlichkeit betrauern zu dürfen. Solches Verhalten entzieht sich in verschiedenen Dimensionen nicht nur jeder historischen Verantwortung, sondern verkennt auch die spezifisch deutschen Verbrechen des Nationalsozialismus und des II. Weltkrieges.
Deshalb ist es also weder angebracht noch legitim, deutsche Kriegstote ihrer aktiven Teilnahme am Nationalsozialismus zu entheben. Gleichzeitig versucht sich die öffentliche Trauer an die Betroffenheit der von Deutschland überfallenen Staaten anzunähern und das bewegende Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit herbeizutrauern. Die Gleichstellung der Chemnitzer Bevölkerung mit von den Nazis verfolgten und ermordeten Menschen ist wie das damit verbundene öffentliche Gedenken abzulehnen. Aber auch eine Gedenkkultur, die auf persönlicher Betroffenheit und unter Beteiligung von damals lebenden Angehörigen basiert, muss zwangsläufig jeglicher Reflexion über persönliche Mitschuld am Nationalsozialismus entbehren. Sich aber genau damit auseinander zu setzen, wird gerade, weil es das Betroffenheitsvermögen aller Beteiligten bei weitem übersteigen müsse, verdrängt, ausgeblendet oder offen abgewehrt.
Wie jedes Jahr finden auch am 05.03.2010 verschiedene Veranstaltungen, die sich sowohl mit der Bombardierung der Stadt im Jahre 1945, als auch mit dem Nationalsozialismus an sich auseinandersetzen, statt. Sie werden gerahmt von ausreichend „Events“, die sich weder dem einen noch dem anderen Themenkomplex widmen.
Die Frage nach Sinnhaftigkeit und Zielstellung dieses Handelns bleibt allerdings seit Jahren offen. Oder sollte an dieser Stelle die gewagte Vermutung in den Raum gestellt werden, es handle sich dabei um die praktische Verklärung der Rolle von Chemnitz während des Nationalsozialismus?! (mehr…)